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Der brave Soldat Blaul

Der Soldat

 

Copyright: Gefr.i.R. (Gefreiter im Ruhestand) Friedrich Blaul

Vorgeschichte

Es war einmal ...

So fangen alle Märchen an. Was ich hier schildere, ist leider kein Märchen, sondern raue Wirklichkeit.

Es geschah 4 Tage vor dem Tag der mündlichen Reifeprüfung. Mit der Post kam ein Einschreibebrief, dessen Absender "Kreiswehrersatzamt" nichts Gutes verhieß.

Wenn ich mich recht erinnere, fing er wie folgt an:

Sie haben sich zur Ableistung Ihres Grundwehrdienstes am 4. Januar 19.. in bei der Ausbildungskompanie 2/12 in Wildflecken einzufinden ...

"Wildflecken"  -- allein der Name dieses Ortes konnte nichts Gutes bedeuten! Mit gemischten Gefühlen nahm ich meinen Autoatlas zur Hand, wo ich dann nach intensiver Suche nahe der damals noch real existierenden Zonengrenze in der Rhön ein kleines Dorf entdeckte. In diesem Nest sollte ich die nächsten 18 Monate meines Lebens verbringen.

Am A... der Welt

Am frühen Morgen des 4. Januar 1967 fuhr mich mein Vater nach Ludwigshafen, wo der Sammeltransport vom Hauptbahnhof abgehen sollte. Auf dem Bahnsteig standen noch einige junge Männer in meinem Alter. Sie guckten gar nicht fröhlich, wussten sie doch ebenso wenig wie ich, was sie erwarten würde. 

Als der Zug einfuhr und hielt, wurden unsere schlimmsten Befürchtungen noch übertroffen. Plötzlich war der Bahnsteig von Uniformierten (später lernte ich, dass es Feldjäger, also Militärpolizisten waren) bevölkert, die darauf achteten, dass niemand das Einsteigen vergaß. Nach dem Einsteigen wurden wir eindringlich belehrt, dass während der Fahrt Bier, Wein und erst recht Schnaps als "verbotene Getränke" galten. Solchermaßen aufgeklärt, begann ich mich dafür zu interessieren, ob alle meine Mitreisenden nach Wildflecken kommen sollten. Wie sich herausstellte, waren dies die wenigsten, die meisten waren anderen Ausbildungseinheiten zwischen Würzburg und Nürnberg zugeteilt worden.

Nach mehreren Aufenthalten, der Zug wurde immer voller, erreichten wir Lohr am Main. Dort wurden die für den Standort Wildflecken bestimmten Neuen umgeladen und mit einem Schienenbus weiterbefördert. Ich glaube, die Bahnstrecke nach Wildflecken ist heute noch ohne Strom ...

Schließlich kamen wir an. Uns erwartete Schnee und Kälte sowie olivgrün angestrichene LKWs mit Planen über den Ladeflächen. Wir kletterten auf die Ladeflächen und setzten uns auf die mit dem Ladeflächenboden verschraubten Bänke. Nun ging die Fahrt weiter auf der dunkeln Ladefläche, die Plane war wegen der Kälte geschlossen, die Sicht auf die Gegend war uns versperrt.

Bereits bei der Ankunft begriff ich, warum ein Dichter reimte

Kennst du das Dorf, wo die Sonne nie lacht,

wo man aus Menschen Soldaten macht, 

wo man vergisst Moral und Tugend,

das ist Wildflecken, .... das Grab meiner Jugend

Panzergrenadier Blaul

Mein Vater hatte mir einige Stories aus seiner eigenen Rekrutenzeit erzählt. Ich hatte geglaubt, da er während der ersten Kriegsjahre Rekrut gewesen war und außerdem in einer anderen Zeit, es könne alles nicht so schlimm sein, aber die "Kommissköppe" bleiben sich anscheinend irgendwie gleich. Noch heute frage ich mich, was einen Menschen dazu bringt, Soldat zu werden. In Friedenszeiten übt er "spielerisch" den Krieg und im Krieg schießt er auf Leute, die ihm

a) nichts getan haben und 

b) die er überhaupt nicht kennt.

Da fällt mir ganz spontan etwas ein. Alle Staaten dieser Erde - und ganz besonders die armen - haben eine Armee. Der Verantwortliche dafür heiß in nahezu allen Fällen "Verteidigungsminister". Ich frage mich allen Ernstes, wozu man sich verteidigen muss, wenn man gar nicht angegriffen wird?!

 

Der Aburent

Das erste, was ich lernte, war, dass es Ziel der Ausbildung ist, an die Grenzen der Leistungsfähigkeit herangeführt zu werden. Ich war nie gut in Sport, mir schwante nichts Gutes!

Können Sie sich vorstellen, was einem halbwegs intelligenten Menschen passiert, wenn einer, der mit Mühe und Not den Hauptschulabschluss schaffte, Gelegenheit erhält, zu beweisen, dass er etwas besser kann? Er spürt die Überlegenheit des geistig Weniger- (oder gar Unter-) bemittelten. Und wie!

Nun war es mir kurz vor der Einberufung zum Dienst für das Vaterland gelungen, die Reifeprüfung abzulegen. Mein Hilfsausbilder (HiBi) in der Ausbildungskompanie 2/12 schaffte es gerade mal, 2 und 2 zusammen zu zählen, war aber viel sportlicher als ich, was für den Dienst in einer Armee sehr vorteilhaft ist. Wie hieß es doch so schön, wenn man den Fehler beging, gegenüber einem Vorgesetzten zu äußern "Herr Gefreiter, ich dachte ..."

"Sie sind nicht zum Denken hier!", war dann stets die Antwort.

Mir war vom ersten Tag an klar, dass die vor mir liegenden 12 Wochen kein Zuckerschlecken werden würden. 

Am Anfang war es mir noch peinlich, wenn ich bei sportlichen Übungen versagte, dann wurde mir dies aber mehr und mehr gleichgültig, schließlich sind ja 3 Monate eine durchaus endliche Zeit und von einer Verlängerung der Grundausbildung, nur weil man nicht mehr machte, als unabdingbar notwendig ist, hatte ich nie gehört. Das Bewusstsein, unseren Ausbildern geistig haushoch überlegen zu sein, verhalf mir und den anderen fünf oder sechs Abiturienten in der Gruppe zu einer gewissen Lässigkeit. Der HiBi konnte noch so verächtlich von den "lahmen Aburenten" reden, was kümmert es die deutsche Eiche, wenn  die Sau sich an ihr reibt ...

Staatsbürger in Uniform

Nach den Erfahrungen des Dritten Reiches war es erforderlich geworden, ein neues Soldatenbild zu erschaffen, ein Soldatenbild, das zu einer Gesellschaft passte, die gerade dabei war, die Grundbegriffe der Demokratie zu erlernen.

Auf der Bonner Haardthöhe (damals Sitz des Verteidigungsministeriums) hatte man den Staatsbürger in Uniform erfunden und beschlossen, dass es einer Inneren Führung bedürfe. 

Aus diesem Grunde war es an manchen Tagen stundenweise erträglich, denn ich konnte tun, was ich runde 13 Jahre lang getan hatte: im Unterricht sitzen, tun, als ob ich zuhörte und mir so meine eigenen Gedanken machen. Das meiste, was der Zugführer (ein Leutnant) in Staatsbürgerkunde erzählte, wusste ich sowieso aus dem Gemeinschaftskundeunterricht und das andere, etwa, wie die Rangabzeichen der Sowjetarmee oder der Volksarmee aussahen, interessierte mich nicht wirklich. Somit hatten die Unterrichtsstunden für mich einen recht großen Erholungswert.

Gleich am Anfang meiner Grundausbildung hatte ich eine Maske mit einem runden Metallgefäß zum Anschrauben (später erfuhr ich, dass dies ein Filter gegen alles Mögliche war) in einem seltsam riechenden Gummibeutel erhalten. Ich hatte so etwas schon einmal in einem Kriegsfilm gesehen und glaubte also, die Frage unseres unendlich intelligenten HiBis, was dies denn sei, zutreffend beantworten zu können. "Eine Gasmaske, Herr Gefreiter", sagte ich laut und vernehmlich. Sofort wurde ich genüsslich berichtigt: "Dies ist eine ABC-Schutzmaske, Sie Aburent! Sie schützt gegen atomare, biologische und chemische Kampfstoffe!" Wer's glaubt ...

Während der Grundausbildung wurden wir einige Male in die Gaskammer (offiziell hieß der Raum "ABC-Übungsraum") geschickt. Die Ausbilder blieben draußen und schauten uns durch große Fenster zu, wie wir auf Befehl (durch Lautsprecher) die "tiefste Gangart" einnahmen oder in den Laufschritt verfielen, über Hindernisse kletterten und ähnliches. In dem Raum war eine solche Tränengas - Konzentration, dass wir alle freiwillig den Friseurladen aufsuchten, denn das Sch...ding war nur dicht zu bekommen, wenn keine Haare im Weg waren.

Am Ende unserer Grundausbildung, wir hatten schon die Marschbefehle zu unseren künftigen Einheiten in der Tasche, mussten wir ein letztes Mal in die Gaskammer. Als die Tortur beendet war und wir an die frische Luft kamen, ergab es sich rein zufällig(!), dass die Ausbilder in einer Gruppe zusammen standen und der Wind genau auf diese Gruppe von "Z-Säuen" (anderes Wort für Soldaten auf Zeit) zuwehte, als wir unsere Kampfanzüge (mit Maske natürlich!) abklopften, um das anhaftende Tränengas zu entfernen. Dies ergab eine vorzügliche Gelegenheit, frotzelnd zu fragen, ob ihre Tränen mit unserem bevorstehenden Abschied von Wildflecken zusammenhingen.

Vom Panzergrenadier zum Schützen

Im letzten Kapitel erwähnte ich den Marschbefehl.  Auf meinem stand, ich solle mich am letzten Freitag des Monats März 1967 in Hammelburg / Lager Hammelburg - einfinden und mich in der Schreibstube (das ist das Büro, in dem der Spieß, offizielle Bezeichnung: Kompaniefeldwebel, residiert) der Instandsetzungskompanie 3/356 melden.

Das tat ich denn auch. Der Spieß sagte mir, bevor er mir eine Stube zuwies, ich solle mich kommenden Montag um 8 Uhr bei irgendeinem Hauptmann Mayer zum Beginn des Fahnenjunkerlehrgangs melden. Ich stutzte. Fahnenjunkerlehrgang hieß, noch einmal drei Monate die unterfränkische Erde  von ganz nah betrachten und noch schlimmer als in der Grundausbildung geschliffen zu werden. Und wozu? Wenn ich das überlebte, würde ich nach achtzehn Monaten als Fähnrich, also als Offiziersanwärter in das Zivilleben entlassen werden und in der zweiten, spätestens dritten einer ganzen Reihe von Wehrübungen zum "Leutnant" befördert werden.

Ich rang nur ganz kurz mit mir. "Herr Hauptfeldwebel", sagte ich mit fester Stimme, "ich danke für die Möglichkeit, die Offizierslaufbahn einschlagen zu dürfen, glaube aber nicht, dass ich dafür geeignet bin. Ich bitte um eine andere Verwendung in der Truppe!" 

Minutenlange Stille ... Das war dem braven Mann wohl noch nie passiert.

"Schütze Blaul (ich war jetzt nicht mehr PzGren, sondern "Schütze" aber fürs gleiche Geld!), wenn das so ist, können wir Sie in der Instandsetzungskompanie nicht brauchen!" antwortete der Spieß. Er nahm den Hörer des Fernsprechers (bei der Bundeswehr wird deutsch gesprochen!) in die Hand und drehte an der Wählscheibe. Nach dem Gespräch entließ er mich in das Wochenende: "Sonntag spätestens um 16:00 Uhr melden Sie sich beim UvD (Unteroffizier vom Dienst) der 4/356!" "Jawohl, Herr Hauptfeldwebel!".

Bewaffnete Spedition Hausmann

Haben Sie, verehrter Leser, schon einmal von überbuchten Urlauberhotels gehört oder waren Sie gar schon einmal Opfer einer Überbuchung? Ich schon, aber es hatte nichts - aber auch nicht das Geringste - mit Urlaub zu tun!

Getreu dem Befehl meldete ich mich am Nachmittag eines kalten April-Sonntags im UvD - Zimmer der Versorgungskompanie 4/356. Der UvD wusste nicht, wohin mit mir, denn ich war nicht eingeplant gewesen. Und so kam es, dass ich meine erste Nacht im Lager Hammelburg in einer Stube verbrachte, die dazu diente, Reserverbetten aufzubewahren. Ich hatte noch nicht einmal Bettwäsche, denn der Zivilangestellte, der sie ausgab, hatte natürlich am Sonntag keinen Dienst! Das war 'ne Nacht! Wäre ich doch Offiziersanwärter geworden!

An Einzelheiten der folgenden sechs Wochen kann ich mich nicht mehr so recht erinnern. Da ich nicht eingeplant war, wurde ich eben  "beschäftigt", schließlich musste der Keller aufgeräumt und die Schneeketten der LKW - ich war bei einer Transportkompanie gelandet - gereinigt werden. Nur bei der - ach so beliebten - Formalausbildung, die jeden Montag stattfand (warum, erfuhr ich später), durfte ich mitmachen.

Nach sechs Wochen kam die Hälfte der Kameraden, die gleichzeitig mit mir ihren Dienst bei der Transportkompanie begonnen hatten, zur Einheit zurück - als stolze Besitzer eines Führerscheins der Klasse "C", der sie berechtigte, LKW zu fahren. Nun war meine "Abhängezeit" vorbei. 

 

Ich berichtete schon im ersten Teil, dass ich mich an die ersten sechs Wochen in der bewaffneten Spedition Hausmann nicht mehr so richtig erinnern kann. Ich hatte zwar den Keller kennen gelernt, wo ich Schneeketten entrosten durfte, aber tiefere Einblicke in das Leben der Einheit hatte ich nicht erhalten.

Irgendwie war ich erleichtert, als ich den Befehl erhielt, mich an einem Montag Mitte Mai 1967 frühmorgens um 8 Uhr beim Leiter der bundeswehreigenen Fahrschule zu melden. 

Da ich schon den Führerschein Klasse 3 erworben hatte und PKW fahren durfte, nahm ich an, es sei nur eine Kleinigkeit, LKW fahren zu lernen, im Prinzip fährt man wie mit einem PKW, nur ist der LKW etwas größer!

Es kam dann doch etwas anders. Mein Fahrlehrer hieß Kohlmann, Unteroffizier (Uffz) Kohlmann. Ich war in der ersten Gruppe, die die Ehre hatte, bei Uffz. Kohlmann den Umgang mit einem 5-Tonner Mercedes zu erlernen. Selber fahren durften wir noch nicht gleich. Zuerst wurden wir um das Auto herumgeführt, wobei Uffz. Kohlmann erklärte, was für welche Teile an so einem großen Auto dran sind.  

Mit der Zeit lernte ich, dass beim Bund manche Teile andere Namen als im zivilen Leben haben:

Gaspedal = Beschleunigungsfußhebel

Bremspedal = Trittplattenbremsventil

Benzin = Vergaserkraftstoff

und einiges mehr.

Neben den Verkehrsregeln (neben den zivilen galt es spezielle, militärische Regeln zu erlernen) lernten wir die Fahrzeugtechnik kennen, sollten wir doch in der Lage sein, im Ernstfall, ohne die Hilfe einer Werkstatt in Anspruch zu nehmen, die Fahrt fortsetzen zu können. Diese Fertigkeiten halfen mir später, Auto fahren zu können, ohne über nennenswerte Einkünfte zu verfügen! 

Was damals in zivilen Fahrschulen noch nicht möglich war, wurde beim Bund praktiziert: Die nächtliche Fahrausbildung. Unsere Ausbildungsgruppe war geteilt, während die eine Hälfte theoretische Ausbildung hatte, fuhr die andere über Land oder im Gelände und umgekehrt. So war es auch bei der Nachtfahrt. Uffz. Kohlmann stammte aus Unterfranken und kannte in der Umgebung von Hammelburg alle Gastwirtschaften, besonders die, wo man gut und billig essen konnte. Es war Ehrensache, dass jede Nachtfahrt einen schönen Abschluss hatte! Ein Fahrschüler wurde für die Heimfahrt ausgelost, er musste "trocken" bleiben.

Nach sechs Wochen kam der Tag der Wahrheit. Wir wurden geprüft, wirklich hart geprüft. Die meisten unserer Gruppe waren am späten Nachmittag des Prüfungstages stolze Besitzer einer Fahrerlaubnis Klasse C, ich auch. 

 

Ich hatte Glück. Der erste Kurs hatte zu Beginn des Vierteljahres die Fahrprüfung abgelegt und durfte zuerst als Beifahrer mit erfahrenen Fahrern mit fahren. Da sie noch als "Rekruten" betrachtet wurden, hieß das ganz automatisch, dass sie dazu verdonnert waren, die unangenehmen Arbeiten zu verrichten. Und von denen gab es eine Menge! Körperliche Arbeiten, z.B. auf dem Aufsetztank (ich war bei den "Spritbombern" gelandet) herumturnen oder beim Fahrzeugreinigen die versteckten Ecken putzen war grundsätzlich Aufgabe des Beifahrers, es wird wohl heute noch so sein.

Üblicherweise beginnt für Wehrpflichtige die Dienstzeit am Anfang eines Vierteljahres und endet dementsprechend an einem Quartalsende. Als ich - nunmehr stolzer Führerscheinbesitzer - zur Kompanie zurückkam, war gerade ein solcher Wechsel im Gang. Diejenigen, die ins Zivilleben entlassen wurden, waren überwiegend Kraftfahrer gewesen, ihre Fahrzeuge waren nun ohne Besatzung. Die Führerscheininhaber des ersten Kurses übernahmen die Fahrzeuge, auf denen sie als Beifahrer gefahren waren und bekamen Beifahrer aus den Reihen der neu angekommenen Rekruten. Am Schluss der Verteilung war ein LKW übrig. Er war schon etwas älter und nicht besonders schnell (62 km/h Spitze!), sein "Kampfname" war Opa. Ich hatte mich die ganze Zeit zurückgehalten, ich war ja schließlich Führerschein - Neuling. Ich war deshalb sehr überrascht, dass mir "Opa" zugeteilt wurde, ein MAN mit etwa 13 to Gesamtgewicht, wovon 5 to auf die Nutzlast entfielen. Die Nutzlast bestand aus zwei Tanks mit je 2300 l Inhalt und einer Pumpe mit Zweitaktmotor. Einen Nachteil hatte die Geschichte: wie schon mein Vorgänger am Lenkrad dieses Gefährts, hatte auch ich meinen Spitznamen weg!

 

Zum Beginn des zweiten Halbjahres wurde ich befördert - ich war jetzt "Gefreiter" und bekam 30 Pfennige (etwa 0,15 €) mehr Sold pro Tag - was konnte ich jetzt große Sprünge machen! An jedem dritten Tag konnte ich mir abends eine zweite Flasche Bier leisten!

Die Wasserratte

Für unseren Kompaniechef Alois (Loisl) Hausmann galt nur derjenige etwas, der schwimmen konnte. Wir hatten einen Stabsunteroffizier, der nur deshalb, weil er es nicht konnte, nicht zum Feldwebel befördert wurde.

Ab und an wurde die montägliche Formalausbildung durch Sport ersetzt, wenn es die Wetterlage zuließ, besuchten wir dafür das Hammelburger Freibad. Unserem Chef lag - wie bereits erwähnt - das Schwimmen sehr am Herzen und so verkündete der Spieß bereits beim Antreten: "Wer heute den Fahrtenschwimmerschein erwirbt, bekommt einen Tag Sonderurlaub!"

Nun hatte ich schon im Gymnasium diesen Schein erworben, traute mir also durchaus zu, mich 30 Minuten über Wasser zu halten. Den Sprung vom 3 m-Brett musste ich nicht machen, es gab keines!

Und so kam ich, ohne mich sonderlich anzustrengen, zu einem Tag Sonderurlaub!

Opa "on tour"

Lieber Leser! Sicher haben Sie gehört, dass beim Bund viel "gegammelt" wird, möglicherweise haben Sie auch selbst diese Erfahrung gemacht.

Dies mag für Stoppelhopser oder Pulversäcke zutreffen, denn die einen können nicht den ganzen Tag "Krieg spielen" und wenn die anderen viel mit Kanonen üben, kostet dies viel Geld - und das hat der Herr Bundesverteidigungsminister nicht! Also wird der Tag irgendwie 'rumgebracht, es wird gegammelt!

Nicht so bei der bewaffneten Spedition Hausmann!

Irgendwelche Fahrzeuge der Bundeswehr fuhren ständig in Unterfranken umher und verbrauchten deshalb Sprit, das heißt sie mussten regelmäßig betankt werden. Übrigens hatte der Herr Minister eigentlich auch dafür kein Geld, da aber die Fahrzeuge auf öffentlichen Straßen fuhren, war es notwendig, die Fahrer in Übung zu halten, deshalb wurde ziemlich viel Sprit gebraucht ... und das war gut so!

Zu meinen Aufgaben gehörte es, Vergaserkraftstoff (für Laien: Benzin) vom Großtanklager zu holen und die Tankstellen der einzelnen Standorte damit zu beliefern. Ich brauchte deshalb nicht zu gammeln, sondern hatte eine richtige Aufgabe!

Und Montags gehts zur Formalausbildung

Gut 95% der Mannschaft fuhr übers Wochende nach Hause und kam erst montags wieder in die Kaserne.  Da Loisl meinte, er könne es nicht verantworten, dass wir unausgeschlafen LKW fuhren, mussten wir montags die soldatischen Grundfertigkeiten (Gleichschritt, Gewehr präsentieren usw) üben.


Am Anfang gab es Probleme ....

Detlev, Student der Mathematik 

Eine eiserne Regel besagt, dass zwei Leute notwendig sind, um einen Laster der Bundeswehr von A nach B zu bewegen, mir war deshalb ein Beifahrer zugeteilt worden. Er hieß Detlev, war Student der Mathematik und in praktischen Dingen vollkommen hilflos. Ich weiß bis heute nicht, womit ich eine solche Bestrafung verdient hatte! Wollte ich wissen, ob vor rechts jemand nahte (er hätte ja die Vorfahrt gehabt und die Sicht aus der Fahrerkabine war miserabel), fragte er: "Warum Herr Gefreiter?" Auch sonst war er keine Hilfe, ich musste die Schläuche selbst legen und verstauen und auch darauf achten, dass der Tank nicht überlief, Detlev guckte Löcher in die Luft oder stand mir im Weg herum.

Und dann kam der Tag, an dem ich wegen seiner Blödheit fast einen Unfall gebaut hätte.

Er hatte behauptet, rechts sei frei, ich ließ die Kupplung kommen - und konnte gerade noch im letzten Moment den Zusammenstoß mit einem Kleinwagen verhindern, Detlev knallte fast an die Frontscheibe, als ich die vollen 7,35 Bar Luftdruck zur Bremse schickte.

Es war meine letzte Fahrt mit Detlev. Ich schrie ihn an: "Aussteigen! Dalli! Geh zu Fuß, da wirst du wach!" Er stieg aus und ging die letzten 4 km zur Kaserne zu Fuß! Natürlich wurde ich am Kasernentor gefragt, wo ich meinen Beifahrer gelassen hätte, ich antwortete, er käme wohl in etwa einer dreiviertel Stunde nach, er brauche unbedingt frische Luft.

Als ich meinem Zugführer (hat nichts mit der Bahn zu tun!) berichtete, meinte der, es träfe sich gut, er suche für jemanden aus dem Büro eine neue Tätigkeit.

 

Ein gutes Gespann

Mein neuer Beifahrer hieß Bernd. Er war ursprünglich "Schreibstubenbulle" gewesen, hatte aber sein Urlaubskonto nicht geschickt genug frisiert und sich auch bei der Abrechnung der Essenmarken zu seinen Gunsten verrechnet.

Mit ihm arbeitete ich den Rest meiner Dienstzeit hervorragend zusammen, er hatte auch ein besonderes Talent, am Wegesrand Kneipen zu finden, wo man den LKW so abstellen konnte, dass er von der Straße aus nicht zu sehen war.

Einmal im Jahr wird "Zivil" befohlen

Einmal im Jahr fand eine Art Betriebsausflug statt. 

Da unser Standort in der Nähe der damals noch real existierenden DDR gelegen war und Unterfranken bayrisch besetztes Gebiet ist, konnte man das Angenehme mit dem Nützlichen  verbinden. Wie schon bei Schulausflügen, musste auch bei dem "Betriebsausflug" etwas für die Bildung getan werden:

Der Spieß (anderer Ausdruck für "Kompaniefeldwebel" oder "Mutter der Kompanie") befahl "Zivil". Nicht von normalen Menschen zu unterscheiden bestiegen wir am frühen Vormittag einen olivgrün angestrichenen Omnibus und fuhren damit Richtung Osten. In einer Kaserne des Bundesgrenzschutzes ließen wir einen Vortrag über den Verlauf der Zonengrenze über uns ergehen und wurden eingehend über den Aufbau der Sperranlagen usw. informiert. Anschließend besichtigten wir Stacheldraht, Wachtürme und Todesstreifen.

Am Nachmittag kehrten wir in einer der zahlreichen kleinen Brauereien ein, wurden herumgeführt und bekamen erklärt, wie man aus Wasser, Malz und Hopfen Bier braut.

Am Abend probierten wir dann nach einer ausgiebigen Mahlzeit das Bier am Ort seiner Entstehung - da es nichts kostete, schmeckte es noch mal so gut! Bei manchen verursachte das Bier Erinnerungslücken, offenbar auch bei unserem Spieß!

Jedenfalls kann ich es mir nur mit einer bierbedingten Amnesie erklären, dass er morgens fragte:

 "Wer hat mir im Bus auf die Hose gekotzt?"

Ein nicht feststellbarer Soldat im letzten Glied (d.h. aus der dritten Reihe):

"Herr Hauptfeld! Es war derjenige, der hineingesch... hat!" 

Und abends wird gesungen!

Unser Kasernengebäude war nicht voll belegt. Im obersten Stockwerk waren 2 überzählige Räume mit Verbindungstür. Dort hatte man - lange vor meiner Zeit - mit Hilfe einer kleinen Brauerei eine Kleinst-Gaststätte eingerichtet, die Mannschaftsbar.

Dort trafen wir uns abends zu einem (oder zwei) Bier. Wir sangen auch zusammen, teilweise leicht veränderte Marschlieder, teilweise auch bekannte Balladen (Frau Wirtin, alte Rittersleut).

An ein Lied kann ich mich gut erinnern:

Wer schleicht durch das nächtliche Lager

so einsam und allein?

Es ist ein besoffener Landser,

er findet den Weg nicht mehr heim.

:|: Es ist ....

 

Der Spieß steht hinter der Mauer

mit einem Gartenschlauch

und stürzt sich mit tierischem Aufschrei

auf den Besoffenen drauf.

:|: und stürzt ...

 

Der Landser behält seine Ruhe,

er kennt seine sichere Hand.

'ne Linke, 'ne Rechte, 'ne Grade -

der Spieß hängt quer an der Wand.

:|: 'ne Linke ....

 

Da drücket der Landser dem Spieße

die gebroch'nen Äuglein zu

und flüstert ganz leise die Worte:

Vor dir, dumme Sau, hab ich Ruh!

:|: und flüstert ...

 

Die Urlaubsvertretung

Vorwort

Unsere Kompanie war in "Züge" aufgeteilt. Dem 1. Zug waren die Spritfahrer, dem 2. Zug der Rest zugeordnet. Ich gehörte also dem 1. Zug an.

Mein Opa hatte einen kleinen Schaden und befand sich deswegen in der Werkstatt. Normalerweise hätte das bedeutet, dass ich irgendwelchen langweiligen Dienst hätte tun müssen. Aber ... des einen Leid ist des anderen Freud! 

Ein Kamerad aus dem 2. Zug  hatte wohl im Wochenendurlaub zu tief ins Glas geguckt, war auf dem Heimweg gestolpert und hatte sich den Arm gebrochen. Sein Beifahrer war frisch aus der Grundausbildung gekommen und hatte noch keinen Führerschein. So verfügte denn die Kompanie sowohl über einen Fahrer ohne Auto als auch ein Auto ohne einen Fahrer.

Und so kam es, dass ich den LKW des Kameraden mit dem Gipsarm fahren durfte und er vorübergehend mein Beifahrer wurde. Wir hatten zuerst recht langweilige Transportaufträge, an die ich mich heute nicht mehr im Einzelnen erinnern kann. Bei zwei Transporten war das anders:

Vordrucke für die Schreibstube

Wir verfügten über eine "Schreibstube", die einen recht hohen Vordruckbedarf hatte und mein Interimsbeifahrer und ich erhielten den Auftrag, in einem Zentrallager der Bundeswehr Nachschub zu holen, wo weiß ich nicht mehr genau, aber es war eine Fahrt, die sich über 2 Tage erstreckte. Nun durften wir aber nicht in einem Hotel übernachten (das hätte Geld gekostet!), sondern sollten uns eine Kaserne auf unserem Weg suchen. Dies taten wir denn auch, als wir den LKW beladen hatten.

Bundeswehrkasernen kannten wir schon zur Genüge, also beschlossen wir, unseren NATO - Kameraden aus der USA einen Besuch abzustatten. Wir wurden freundlich begrüßt, da ich in der Schule die englische Sprache erlernt hatte, war die Verständigung einigermaßen problemlos möglich (das amerikanische Englisch hat mit dem in der Schule damals ausschließlich gelehrten Oxford-Englisch herzlich wenig zu tun!). 

Wie wir sehr schnell feststellten, waren wir nicht in einer normalen amerikanischen Kaserne gelandet, sondern bei einer "Durchgangseinheit", von wo aus die Soldaten, die frisch aus der USA oder von sonst woher kamen, auf die einzelnen Standorte verteilt wurden. Diese Kaserne verfügte über große Schlafsäle und in einem dieser Schlafsäle wurde uns ein Nachtlager zugeteilt.

Um uns kümmerte sich dann ein "Private first class", also so etwas wie bei uns ein Gefreiter. Er hatte den Schlüssel zu seinem Truck (=LKW) einstecken, bei uns undenkbar! Und mit diesem Truck fuhr er mit uns zu einem "Casino", das normalerweise nur für amerikanische Mannschaftsdienstgrade zugänglich war, denn was dort ausgeschenkt wurde, unterlag nicht der deutschen Besteuerung und war daher äußerst preiswert. Unsere Bundeswehrkantinen boten trotz wesentlich höherer Preise nichts, was auch nur annähernd mit dieser Truppenbetreuungseinrichtung vergleichbar war. Man hatte sogar eine deutsche Band mit Sängerin engagiert.

Wahrscheinlich waren die verantwortlichen  Offiziere der deutschen Sprache nicht mächtig. Wie sonst wäre es bei den als recht prüde bekannten Amerikanern möglich gewesen, dass die Sängerin ein Lied zum Besten gab, das da lautete:

Eine Frau, die kaufte sich Bananen,
doch wofür, das konnte keiner ahnen.
Eines Nachts, in einem wilden Traume
steckt sie sich eine in die ...
eins, zwei, drei, was geht das uns an?
das geht uns gar nichts an!
Es ist ja nur ein Lied davon!

Uns hat es jedenfalls dort Spaß gemacht! Und unserem amerikanischen Begleiter auch, denn er bekam den wesentlichen Inhalt - so gut es mein Schul - Englisch zuließ, übersetzt!

Ich erwähnte bereits, dass alles, was bei uns teuer ist, in diesem Etablissement sowohl steuer- als auch zollfrei war. So zahlten wir für eine Cola mit Whisky (oder war es rumgedreht?) einen Quarter, also einen viertel Dollar, eine Deutsche Mark war das damals!

Kein Wunder, dass wir - als wir am nächsten Morgen geweckt wurden (It's breakfast - time!), erst einmal Mühe hatten, uns räumlich und zeitlich zu orientieren! Den versäumten Schlaf holten wir dann in Hammelburg nach unserer Rückkehr nach.

Sonderurlaub

Dienst ist gut .... Sonderurlaub ist besser! Ich nahm jede sich mir bietende Gelegenheit wahr, Sonderurlaub zu bekommen. Hauptmann Hausmann, unser Kompaniechef (genannt Loisl) war ein begeisterter Schwimmer. Wer die Fahrtenschwimmerprüfung ablegte, bekam einen Tag Sonderurlaub!

Ich hatte diese Prüfung bereits im Gymnasium während des Sportunterrichts abgelegt, aber das wusste natürlich Loisl nicht! So hielt ich mich denn im Hammelburger Freibad 30 Minuten lang über Wasser und bekam dafür eine Urkunde und einen Tag Sonderurlaub,

Blut spenden ist wichtig, wer Blut spendet, hilft Leben retten. Damals beim Bund, ich war Anfang 20, dachte ich allerdings nicht daran, zum Lebensretter zu werden. Die Impfung durch den Stabsarzt, der seine Stechkünste im Examen wahrscheinlich nicht unter Beweis hatte stellen müssen, hatte ich noch in schmerzhafter Erinnerung!  Dem Aufruf, Blut zu spenden, wäre ich also mit hoher Wahrscheinlichkeit aus freien Stücken nicht gefolgt!

Ich ging dann doch hin, denn es gab neben einem halben Brathähnchen (wegen der wenig knusprigen  Konsistenz "Gummiadler" genannt) auch einen Tag Sonderurlaub! Dies hatte auch eine andere gute Seite: ich gehe seit meiner Dienstzeit regelmäßig zur Blutspende und habe mittlerweile über 100 mal gespendet.

Aller guten Dinge sind drei. Ich gehörte einer Transportkompanie an und oberstes Ziel der Kompanieführung war es, dass die Fahrer möglichst unfallfrei fuhren. Als Ansporn gab es für 5000 km unfallfreie Fahrt mit dem LKW - na was wohl? Einen Tag Sonderurlaub!

Ein Kamerad aus dem 2. Zug hatte Pech! Etwa einen Monat vor Ende seiner Dienstzeit, er hatte wohl abends zuvor etwas vorgefeiert und war deshalb nicht ausgeruht - fuhr er seinen 10-Tonner FAUN in den Straßengraben, seine 5000 km waren noch nicht ganz voll - AUS!

Ich hatte keinen Unfall gebaut und schaffte deshalb auch ohne Unfall die für den Erhalt von Sonderurlaub erforderliche Fahrstrecke. Ich bin eben ein Sonntagskind!

Gefahrguttransport 

Heute kann ich offen darüber sprechen, strafrechtlich ist alles längst verjährt! Wären wir damals erwischt worden, hätte man uns eingesperrt!

Wir hatten wieder einen Transportauftrag erhalten, der uns 2 Tage daran hinderte, unsere heißgeliebte Kaserne zu sehen. Von Lebensmitteln wissen wir alle, dass es ein "Mindesthaltbarkeitsdatum" gibt, auch MHD genannt. Hätten Sie, liebe Leserin, lieber Leser gedacht, dass auch Handgranaten ein MHD haben?

Jedenfalls erhielten wir den Auftrag, 19 Kisten Handgranaten, deren MHD abgelaufen war, in ein Munitionslager in Baden-Württemberg zu bringen, wo Sie auf einem Sprengplatz (so etwas gibt es!) ordnungsgemäß entsorgt werden sollten. Damit wir unterwegs nicht Hunger leiden mussten, bekamen wir Verpflegung mit (Hotelurlauber kennen so etwas als Lunchpaket. Doch davon später!

Die Hinfahrt verlief ohne besondere Vorkommnisse, die Autobahn war frei, wir kamen gut voran und hätten, wenn wir nur gewollt hätten, noch am gleichen Abend zurück in Hammelburg sein können. Doch kurz vor der Autobahnabfahrt Speyer / Hockenheim fiel mir auf, dass es bis zu meinem Heimatort nur ein Katzensprung war und schon setzte ich den Blinker und fuhr von der Autobahn ab in Richtung Heimat.

Zu Hause angekommen war, wie sich jeder denken kann, die Überraschung groß! Da meine Eltern Weinbau und Landwirtschaft betrieben, gab es einen Hof mit einem hohen Hoftor, hinter dem der LKW nicht mehr zu sehen war.

Den Abend verbrachten wir dann, natürlich in Zivilkleidung! - in meiner Stammkneipe. Die Bierchen haben wir nicht gezählt! Beim Frühstück am nächsten Morgen, das praktischerweise zusammen mit dem Mittagessen eingenommen wurde, fragte dann meine Mutter, was wir denn geladen hätten? Die Antwort mussten wir ungefähr drei mal wiederholen -- hätten wir ihr das gleich gesagt, hätte sie uns das Hoftor wohl nicht öffnen lassen, zumindest jedoch hätte sie in dieser Nacht kein Auge zugetan!

Am frühen Nachmittag (wir waren wieder einigermaßen nüchtern) traten wir die Fahrt nach Hammelburg an. Auf einem Autobahnparkplatz - ich glaube in Gräfenhausen an der A 67 - schauten wir nach unserem Lunchpaket. Wie gut, dass wir bei mir zu Hause gut gegessen hatten! der Küchenbulle musste uns wohl Reste eingepackt haben, es war jedenfalls ungenießbar! 

Da wir (bei 3,30 DM am Tag) immer knapp bei Kasse waren, kam uns eine großartige Idee: An der A 3, kurz vor Aschaffenburg, gibt es eine Raststätte. Die steuerten wir an. Jeder bestellte eine Cola. Dann baten wir den Kellner um eine Quittung. Als der gute Mann (ahnte er etwas?) fragte, auf welchen Betrag er die Quittung ausstellen sollte, witterten wir Morgenluft! Die 12,-- DM, die er jedem aufschrieb, bekamen wir erstattet, denn wir hatten wohlweislich unsere Lunchpakete als "Beweisstück" mitgenommen.

Damals war Hammelburg noch nicht ans Autobahnnetz angeschlossen, also verließen wir bei Weibersbrunn die A 3 und fuhren durch den Spessart auf Bundes- und Landstraßen Richtung Hammelburg.

Mein Beifahrer stammte aus dem Spessart. Und da es ihm in meinem Elternhaus gut gefallen hatte, wollte er sich revanchieren, was noch wesentlich einfacher als bei mir war. Wir mussten noch nicht einmal einen Umweg fahren, sein Elternhaus lag an unserer Strecke! Wie der Zufall so spielt, war gerade Schlachtfest, wir brauchten nicht zu verhungern! Aber Bier haben wir dort nicht mehr angerührt. Ehrenwort!

Der Abschied

Anfang April war es soweit, als dienstälteste Gefreite führten wir nun den Dienstgrad "Altgefreiter" und ließen aus der linken Brusttasche ein Schneiderbandmaß heraushängen, das jedem zeigte, wie viele Tage noch bis zum Wiedereintritt ins Leben vergehen würden. Jeder Nicht-Mehr-Rekrut behandelte uns mit ausgesuchtem Respekt und Vorgesetzte sahen darüber hinweg wenn wir schlampig grüßten.

Wir machten natürlich noch unseren Dienst - aber nicht übertreiben! - waren aber doch etwas im Stress, weil wir fehlende Ausrüstungsgegenstände "organisieren" mussten. Wir taten dies bei jüngeren Kameraden, die die Stubentür nicht abgeschjlossen hatten, wie schon Generationen vor uns, die unfreiwilligen Helfer taten dies dann vor  ihrer eigenen Entlassung auch.

Ende Juni 1998 - den meisten von uns waren die 18 Monate als Ewigkeit erschienen - nahte die letzte Stunde in der Kaserne, wir hatten ein Sektfrühstück organisiert, dank des "üppigen" Entlassungsgelds von 350,-- DM konnten wir uns immerhin Schaumwein, Baguette und Seelachsschnitzel leisten!

Ich hatte mir von einem noch nicht ganz 18-jährigen Cousin, der noch keinen Führerschein besaß, seinen VW-Käfer (mit leichtem Getriebeschaden) ausgeliehen und noch 2 Kameraden aus Groß-Gerau und Mannheim mit auf die Heimreise genommen. Wegen des Gestriebeschadens waren wir nicht auf die Autobahn gefahren, sondern wollten auf Landes- und Bundesstraßen die Heimat irgendwann am Abend erreichen.

Daraus wurde nichts. Kaum in Würzburg angekommen, verspürten wir Hunger und (Ende Juni!) auch Durst. Mit dem Entlassungsgeld in der Tasche konnten wir uns unser erstes Mittagessen in Freiheit leisten und suchten einen Biergarten auf.

Da wir uns anschließend über unseren Zustand im Klaren waren, verschoben wir die Heimfahrt auf später, besichtigten die fürstbischöfliche  Residenz, die Veste,  die Stadt und ruhten uns auch etwas aus. Da wir unmöglich hungrig und durstig weiterfahren konnten, nahmen wir noch eine Abendmahlzeit zu uns, die wir mit Bier hinunter spülten. Irgendwann wünschte uns der Wirt eine geruhsame Nacht und schloss die Tür hinter uns zu.

Solchermaßen gestärkt - aber noch im Besitz unserer vollen geistigen Kräfte - beschlossen wir, die Heimfahrt auf polizeifreien Straßen anzutreten. Am Anfang ging es recht gut, die beiden Kameraden halfen mir bei der Navigation entlang des Mains und durch den Spessart. Im Odenwald war ich dann ganz auf mich allein gestellt: Vom Rück- und Beifahrersitz war nur noch ein - durch gelegentliches Japsen unterbrochenes - Schnarchen zu hören. Sie können sich nicht vorstellen, wie glücklich ich war, als die Sonne im Osten aufging und ein Wegweiser verkündete "Mannheim 64 km"! Ich hatte den Heimweg ohne fremde Hilfe gefunden! Seither habe ich nie mehr so lange für die Strecke Unterfranken / Pfalz gebraucht!