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Homo buerocraticus

Beruf kommt von Berufung!

 

Homo buerocraticus

Der Beamte 

oder

Homo buerocraticus

(c) 1994 by AR Friedrich Blaul, Dipl.-Verw.(FH)

 

Vorwort

Was haben Ostfriesen, Bayern, Blondinen, Manta - Fahrer und Beamte gemeinsam?

Sie müssen als Zielscheibe für Spott herhalten, sind Gegenstand mehr oder minder geistreicher Witze und können (fast) nichts dazu.

 In diesem Buch unternimmt ein Betroffener, ein Beamter, den Versuch, Vorurteile abzubauen und Verständnis für die Nöte und Besonderheiten seines Standes zu erwecken.

Hinderlich ist dabei, dass der Beamte nicht sagen darf, was er denkt, schon gar nicht öffentlich! Er hat sich - auch außerhalb des Dienstes - stets zu mäßigen! Sie können dieses Buch deshalb auch unbesorgt Ihren Kindern in die Hand geben, es kann ihrer Bildung nur förderlich sein!

 


Allgemeines  

 

Über kaum eine Berufsgruppe wird mehr geschrieben, geredet und gelästert als über die Beamten. Jeder meint, er dürfe sich das erlauben und vor allem, er wisse, wovon er spricht! Es gibt sicherlich niemand, der sich nicht schon über einen Beamten geärgert hätte, sei es über den Polizeibeamten, der ihm wegen falschen Parkens eine Verwarnung erteilte, sei es über den Beamten im Passamt, der partout Urkunden sehen wollte, aus denen sich zweifelsfrei ergab, dass er und wo er und nicht zuletzt, mit welchem Namen er geboren wurde. Kaum ein Angehöriger einer anderen Berufsgruppe macht sich schon dadurch unbeliebt, dass er seine Pflicht tut!

 

Es stimmt, es gibt Beamte, die den Anschein erwecken, sie hätten nichts zu tun und die sich dieser Beschäftigung auch noch gerne hingeben. Daran sind aber nicht die Beamten schuld - Gott bewahre! Ursache dieses Missstandes ist vielmehr die Tatsache, dass im Laufe der Zeit Aufgaben wegfielen, genannt sei der Lastenausgleich, es wurde aber versäumt, die dafür zuständige Behörde aufzulösen! Da Beamte pflichtbewusste Mitglieder der menschlichen Gesellschaft sind, bleiben sie nicht etwa zu Hause, sondern erscheinen täglich zur festgesetzten Zeit im Büro, um ihres Amtes zu walten!

 

Da Beamte gemeinhin geduldige Wesen sind, eignen sie sich in hervorragender Weise als Zielscheibe für Journalisten der schreibenden und sprechenden Zunft, denn über irgend etwas und irgend jemanden müssen sich diese ja schließlich auslassen. Ein Teil der Journalisten fällt demnach über die englischen Royals her, nur will das eben nicht jeder hören und lesen. Ein anderer Teil befasst sich mit anderen gekrönten und ungekrönten Häuptern im nahen und fernen Ausland, aber auch darüber wollen immer weniger Leute ständig hören und lesen. Immer mehr Leser von Zeitungen, Hörer beim Rundfunk und Zuschauer im Fernsehen drängen danach, über Menschen zu hören und zu lesen, denen sie täglich auf der Straße begegnen, wer begegnet denn schon Prinz Charles oder seiner Camilla? Oder dem Kanzler? Oder Präsident Putin? Oder, oder, oder?

 

Beamten hingegen begegnet man da schon öfter, man kann sie sich leibhaftig vorstellen, weiß jedoch nicht so recht, was sie den Tag über treiben, womit sie es verdienen, von unserem - jawohl unserem - sauer verdienten Geld zu leben! Wer sein Geld in der Fabrik verdient, etwa, indem er Autos zusammenbaut, produziert etwas, das man anfassen, das man begreifen (im eigentlichen Wortsinn!) kann! Allein die Tatsache, dass man bei Beamten nicht so recht weiß, wofür ihnen der Staat (oder das Land, die Gemeinde oder sonst wer) einen Teil des Geldes gibt, das man ihnen vorher in Form von Steuern und Abgaben abgenommen hat, macht diese Berufsgruppe verdächtig!

 

Den Beamten gibt es nicht! Und diese Tatsache ist die Ursache dafür, dass jeder, der in der Lage ist, aus Wörtern Sätze zu bilden und diese so der geneigten Öffentlichkeit darzubieten, dass ihm zugehört oder zugeschaut wird oder gar, dass die Produkte seines unermüdlichen Schaffens gelesen werden, sich erlauben darf, über den Beamten herzuziehen. Auch dieser letzte Satz ist eine Verallgemeinerung, denn nicht jeder Journalist zieht über die Beamten als solche her; seriöse Journalisten (auch die gibt es!) verallgemeinern nicht, insbesondere schreiben (sprechen) sie ausschließlich über Dinge, von den sie was verstehen. Da Journalisten nur in ganz wenigen Ausnahmefällen Beamte sind oder waren, haben sie genau genommen kein Recht, über Beamte zu schreiben, zumindest nicht im negativen Sinn!

 

Ich persönlich vertrete die Auffassung, man solle nur über das sprechen (schreiben), wovon man eine Ahnung hat. Ich beschränke mich deshalb für gewöhnlich auf das Zuhören! Es genügt doch fürwahr nicht, einige Vertreter eines Berufsstandes zu kennen, um daraus die Berechtigung herzuleiten, sie alle  - ohne jede Ausnahme - als unfähige, arbeitsscheue Individuen hinstellen zu dürfen. Den Vertretern des Journalistenberufs, die sich in dieser Art über uns Beamte äußern, möchte ich einen lateinischen Ausspruch ins Stammbuch schreiben: „Si tacuisses, philosophus mansisses!“

 Dieser Artikel ist von einem Beamten, mithin von jemandem, der weiß, wovon er schreibt, verfasst! Bei den anderen, die sich berufen fühlen, über Beamte zu lästern, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Neid, purer, unverhohlener Neid aus ihnen spricht! Ich würde mir zum Beispiel niemals erlauben, in ähnlicher Weise über andere Berufsgruppen herzuziehen. Wo nehmen diese Leute die Dreistigkeit her, anzunehmen, sie seien kompetent?

 

Zur Zeit schwappt eine Privatisierungswelle über unser Land: Bahn und Post werden privatisiert, die Politiker sind auf der Suche nach weiteren Feldern, die sie beackern können. Soweit mir bekannt ist, erhofft man sich dadurch mehr Effizienz; Behörden sind ja so starr! Aber warum? Diejenigen, die heute über die Schwerfälligkeit der öffentlichen Unternehmen jammern, haben diese Schwerfälligkeit ganz alleine verursacht!

 

Die öffentlichen Unternehmen sind in einem Korsett aus mehr oder weniger sinnvollen Vorschriften gefangen, jede Eigeninitiative wird im Keime erstickt. Entscheidungen werden, wenn überhaupt, erst nach langer Wartezeit getroffen. Privatwirtschaftlich organisierte Unternehmen sind wesentlich flexibler! Warum?

 

Die Privatwirtschaft kennt Leistungsanreize für ihre Mitarbeiter, der öffentliche Dienst nicht! Der Beamte kann sich noch so sehr abrackern, ist keine „Planstelle“ frei, kann er nicht befördert werden! Ist aber eine frei, wird er befördert, ob er es verdient hat oder nicht! Wozu anstrengen? Für diese missliche Lage kann aber der Beamte nichts, rein gar nichts! Hier handelt es sich um die „althergebrachten“ Grundsätze des Berufsbeamtentums! Ich frage mich allen Ernstes, ob es nicht endlich an der Zeit ist, dieses System einer gründlichen Renovierung zu unterziehen. Eine Generalüberholung des öffentlichen Dienstrechts ist notwendig, aber mit einer Zerschlagung des öffentlichen Dienstes ist das Problem nicht zu lösen!

Der Beamte im Allgemeinen

Nach dieser Vorrede komme ich nun zum Kern der Sache. Es ist nicht meine Absicht, den Berufsstand der Beamten über alle anderen heraus heben zu wollen oder jedem, der seine Meinung sagt, das Recht hierzu absprechen zu wollen. Nein! Ich will ja nicht Gleiches mit Gleichem vergelten! Ich respektiere jeden, der seine Meinung vertritt, sofern er mir das gleiche Recht zugesteht.

 

Da Sie, geneigter Leser, vielleicht nicht dem Beamtenstand, vielleicht noch nicht einmal dem Öffentlichen Dienst angehören, muss ich etwas Allgemeines zur Entwicklung dieses - von Außenstehenden immer schon misstrauisch beäugten - Berufsstandes sagen.

 

Als die Menschen sich anschickten, von den Bäumen zu klettern, gab es - bis auf den bekannten - keinen Unterschied. Jeder sorgte ausschließlich für sich allein und, so vorhanden, seinen Nachwuchs. Im Laufe der Jahrtausende und Jahrmillionen entwickelten sich Unterarten, in den heißeren Regionen färbte sich die Haut dunkel, es entstanden Neger. In den Polargebieten entwickelten die Menschen eine besondere Anpassung an ausgesprochen tiefe Temperaturen, die Eskimos.
Zu dieser Zeit, nach neuesten Forschungen, so vor rund 4 Millionen Jahren, gab es den Homo Sapiens Erectus noch nicht. Darf man Abbildungen in Büchern Glauben schenken, hatten die damals über die Erde ziehenden Zweibeiner recht wenig Ähnlichkeit mit Menschen, eher schon mit anderen Primaten - den Affen. Im Laufe der Jahrtausende, so richtig erst nach der letzten Eiszeit, geschah eine Wandlung: aus dem Homo Habilis wurde der Homo erectus, aus dem schließlich der uns heute vertraute Homo Sapiens Erectus, der „aufrecht gehende, vernunftbegabte Mensch“ hervorging.

 

 Parallel zu der Veränderung des äußeren Erscheinungsbildes veränderte sich auch das Sozialverhalten. Waren anfangs einzelgängerische Menschen, die nur sich selbst und ihren Nachwuchs mit Nahrung, die sie durch Jagd erbeuten mussten, die Regel, so machte die Bevölkerungsexplosion es erforderlich, auch solche Räume zu besiedeln, die nicht so gute Voraussetzungen boten. Je weniger ideal die äußeren Bedingungen waren, um so mehr waren die Menschen gezwungen, Schutz- und Trutzgemeinschaften zu bilden. Aus Familien wurden Sippen.

 

Mehrere Sippen schlossen sich zu Dörfern und Städten, diese dann schließlich zu Staaten zusammen. Wo sich eine Vielzahl von Menschen (oder Tieren, wie z.B. die Rudelbildung oder die Herdenbildung zeigen!) zusammenfinden, kann natürlich nicht mehr jeder tun, was ihm beliebt - Regeln müssen her, es muss eine(r) die Herrschaft übernehmen! Ich bleibe, frau möge mir verzeihen, bei der männlichen Bezeichnung und nenne den Herrscher Chef. Für die folgenden Betrachtungen ist es belanglos, ob dieser Chef gewählt wird, sein Amt im Zweikampf gewinnt oder es der Tatsache zu verdanken hat, dass er sich die richtigen Eltern aussuchte.

 

Ein Gemeinwesen, das mehr Köpfe umfasst als beispielsweise in einen Versammlungsraum hineinpassen, benötigt eine Organisation, die die Befehle und Wünsche des „Chefs“ an die übrigen Gemeinschaftsmitglieder weiterleitet, andernfalls ist der „Chef“ gezwungen, seine Befehle mehrfach zu erteilen, auf dass sie auch der Letzte noch erfährt. Dies ist nicht erwünscht, würde es doch den armen „Chef“ total überfordern und wäre darüber hinaus auch viel zu zeitraubend. Also erfanden die Menschen bereits zu einem sehr frühen, heute nicht mehr exakt zu nennenden Zeitpunkt die Verwaltung, der es nunmehr oblag, die Wünsche, Befehle und Anweisungen vom Chef entgegenzunehmen und möglichst unverzüglich und unverfälscht an die Mitglieder der Gemeinschaft weiterzugeben. Die Tätigkeit des Verwaltens erfordert naturgemäß sehr zuverlässige Menschen, denn wie sonst sollte man erwarten können, dass auch der letzte Mensch genau das tut,  was der Chef von ihm erwartet?

Wer aber könnte zuverlässiger sein, als ein Beamter?

Furchtbar witzisch! 

Im letzten Kapitel habe ich schlüssig bewiesen, dass der Beamte keine typisch deutsche, schon gar keine preußische Erfindung ist. Tatsache ist vielmehr, dass es Beamte (vielleicht werden und wurden sie andernorts nur anders genannt?) in allen zivilisierten Ländern gibt und immer schon gab, seit die Arbeitsteilung einsetzte. Was ist nun besonderes an diesem Beruf?

 

Mit Sicherheit erschöpft sich die Tätigkeit des Beamten - entgegen böswilliger, aber weitverbreiteter Gerüchte übt er ein Tätigkeit aus - nicht darin, Befehle des „Chefs“ wortgetreu an die Untertanen weiterzugeben, das könnte ein Papagei auch. Das Besondere ist, dass sich diese Besonderheit nicht einfach erklären lässt! Obwohl der Beamte, wie hinlänglich bekannt,  nicht mit irdischen Gütern verwöhnt wird, wird allgemein behauptet, er genieße Privilegien. Welche eigentlich? Er ist - unter bestimmten Voraussetzungen  - nicht kündbar. Stimmt! Das waren die Sklaven im alten Rom auch nicht, die wurden verkauft! Er ist nicht krankenversicherungspflichtig. Stimmt! Er freut sich, die Arzt- und Krankenhausrechnungen sowie die ihm überreichlich (Privatpatient!) verordneten Medikamente selbst bezahlen zu dürfen. Ob er dies kann, steht auf einem anderen Blatt! Da ihm sein Dienstherr (ein Beamter hat schließlich keinen Arbeitgeber!) eine recht großzügige Beihilfe zu den Krankheitskosten gewährt, ist dies nicht weiter schlimm! Die Bank gewährt ihm großzügig Kredit, weiß sie doch, daß die nächste Gehaltszahlung (noch?) pünktlich auf das Konto überwiesen wird. Schließlich und endlich gibt es noch die Versicherungen, die das Risiko, das der Beamte nicht selbst tragen kann, gegen pünktliche Zahlung nicht zu kleinlich bemessener Beiträge übernehmen.

 

Weitere Privilegien fallen mir im Moment nicht ein, sie würden auch, wie oben dargelegt, einer näheren Prüfung nicht standhalten. Ungeachtet dessen, muss dieser ganze Berufsstand, ohne den ein geordnetes Staatswesen nicht denkbar wäre, als Zielscheibe von „Besamtenwitzen“ herhalten, etwa in der Art:

 

„Was ist der Unterschied zwischen einer öffentlichen Verwaltung und Jeans?“


Antwort: „Bei den Jeans sitzen die Nieten an der richtigen Stelle!“

 

 

„Was ist der Unterschied zwischen einem Beamten und einem Stück Holz?“


Antwort: „Holz arbeitet!“

 

 

„Was ist der Unterschied zwischen einer Million und einer Behörde?“


Antwort: „Bei einer Million sind die Nullen hinten!“

Stücke, die das Leben schrieb ..... 

Die im letzten Kapitel vorgestellten Witze versteht jeder, sie kann auch jeder weitererzählen. Vor kurzem erreichte uns folgendes Telefax:

sind sie einsam?

 

Sind Sie es LEID, alleine zu arbeiten?

 

HASSEN Sie es, Entscheidungen zu treffen?

 

Gehen Sie zu Einer
Besprechung !!!!!!!

 

Sie können dort:

 

... Leute treffen
... Flip - Charts kreieren
... Sich wichtig fühlen
... Ihre Kollegen beeindrucken
...
Kaffee trinken
... etc. etc. ...


und all dies während der Arbeitszeit !!!

 

BESPRECHUNGEN

... die praktische Alternative zur ARBEIT

 

Einen Absender trug das Fax nicht, aber mit Sicherheit dürfen sich nicht nur Beamte getroffen fühlen!

Im speziellen Fall fühlten sich einige Kolleginnen und/oder Kollegen so sehr getroffen, dass Sie schleunigst eine Besprechung (wahrscheinlich mit Kaffee ...) einberiefen und beratschlagten, was zu tun sei. Das Ergebnis der Besprechung war kurze Zeit später am schwarzen Brett zu bewundern: Jedermann konnte dort lesen, dass Besprechungen sehr nützlich seien und unmöglich darauf verzichtet werden könne, wolle man nicht schwerwiegende Nachteile für den gesamten Dienstbetrieb und nicht zuletzt auch für die Bevölkerung riskieren!

Was müssen Menschen arm sein, die nicht mehr über so etwas lachen können!

Es gibt Beamtenwitze, die verletzen, das oben abgedruckte Fax gehört jedoch mit Sicherheit nicht in diese Kategorie! Wohl aber der:

„Der Weihnachtsmann, das Christkind, ein langsamer Beamter und ein schneller Beamter stehen auf der Straße und unterhalten sich. Es ist Winter, bitterkalt, die Straße ist glatt ....

 

Ein altes Mütterchen geht vorbei, rutscht auf der glatten Straße aus und fällt hin. Wer hebt die bedauernswerte alte Frau auf?“

 

„? ? ?“

 

„Natürlich der langsame Beamte! Und warum? An den Weihnachtsmann und das Christkind glauben Sie doch bestimmt nicht mehr! Und haben Sie schon einmal einen schnellen Beamten gesehen?“

Gründe für die Berufswahl  

Irgend etwas muss an diesem Beruf besonderes sein. Schon bei dem Begriff „Öffentlicher Dienst“ muss sich doch jedem der Verdacht aufdrängen, dass das Dienen, nicht das Verdienen diesem Beruf sein typisches Gepräge gibt. Und der Begriff „Behörde“ lässt den Normalsterblichen erschauern, ob vor Ehrfurcht, sei bezweifelt.

 

Immer wieder drängt es junge Leute, sich für die Laufbahn eines Beamten zu entscheiden. Selten wird es die zu erwartende Abwechslung sein, die motivierend wirkt. Erwähnte ich bereits, dass sich die Tätigkeit des Beamten nicht darin erschöpft, Weisungen von oben nach unten (schon der Berufsanfänger lernt, dass es ein Unterordnungsverhältnis gibt!) weiterzugeben? Was ist nun dieses ominöse „es“, das der Beamtenschaft den Nachwuchs sichert?


Im Laufe meiner langjährigen Studien bin ich zur Überzeugung gelangt, dass es sich beim Beamten, lateinisch: Homo Buerocraticus (erectus) um eine Mutation des Homo Sapiens Erectus handeln muss. Das Adverb „erectus“ steht ganz bewusst in Klammern, da es für viele Angehörige dieser Spezies nicht gilt, haben diese doch den aufrechten Gang (zumindest im Beisein von Vorgesetzten) verlernt.  Vom Homo Buerocraticus gibt es eine Unterart, deren Gefährlichkeit nicht unterschätzt werden darf: den Eques Paragraphicorum, den Paragraphenreiter, ihm fehlt sogar das Wort Homo, das in der lateinischen Sprache für „Mensch“ steht.  Ihn findet man vorzugsweise in übergeordneten Behörden, da es seine „Abgehobenheit“ nicht erlaubt, sich mit niederem Volk, wie es die Untertanen nun mal sind, abzugeben. Man findet ihn allerdings auch in jeder kleineren Verwaltung, wo er sich vorzugsweise darin gefällt, die Verwaltung zu verwalten.

 

 Erkennt nun ein Mensch, ob Männlein oder Weiblein, seine oben genauestens beschriebene Mutanteneigenschaft, hält ihn nichts mehr. Jede noch so gutgemeinte Warnung wird in den Wind geschlagen, jedes noch so lukrative Angebot abgelehnt: mit einer erstaunlichen Zielstrebigkeit wird nach einer Behörde  - gleich welcher Fachrichtung -  gesucht, die bereit und willens ist, aus einem Menschen einen Beamten zu machen. Gleichmütig wird in Kauf genommen, dass das ausreichende Vorhandensein irdischer Güter während der aktiven Dienstzeit eher die Ausnahme sein wird, lockt doch die Verheißung eines rundum abgesicherten Pensionärdaseins! Und für dieses erstrebenswerte Ziel kann man doch manche Unbill in Kauf nehmen. Oder nicht?

 

So betritt also ein junger Mensch, zunächst noch aufrecht und voller Idealismus, die Beamtenlaufbahn. Bald darauf stellt er fest, dass es sich um eine „Lauf-“bahn handelt, die viele Hindernisse und Fallstricke hat. Gelingt es nicht, in die richtigen Positionen versetzt zu werden, in denen man so richtig zeigen kann, was man gelernt hat, ist es Essig mit der Karriere. Glück gehört dazu! Fleiß ist weniger gefragt, die Kollegen sollen ja nicht denken, man sei ein Streber! Das macht nur unbeliebt und führt auch sonst nicht zum Erfolg. Solange man unten an der Karriereleiter steht, kann man in den Augen der Vorgesetzten eh nicht Brauchbares zuwege bringen. Man hüte sich insbesondere, vorwitzig und naseweis brauchbare Verbesserungsvorschläge zu machen: der Vorgesetzte ist stinksauer, daß ihm dies nicht selbst eingefallen ist, lässt den Entwurf in der Schublade verschwinden, um ihn bei passender Gelegenheit wieder hervor zu kramen und ihn als eigene Leistung zu präsentieren. Um dies unauffällig bewerkstelligen zu können, lobt er den Beamtennachwuchs in eine andere Abteilung weg.

 

Bei alledem spielt Eifersucht eine nicht zu unterschätzende Rolle. Mein Rat deshalb an jede(n), der (die) sich wider besseres Wissen und entgegen aller gutgemeinter Ratschläge von diesem Berufsziel nicht abbringen lässt (niemand kann auf Dauer entgegen seiner Veranlagung handeln!): Solange die eigene Position nicht ausreichend gefestigt ist, niemals, wirklich niemals, einem Vorgesetzten widersprechen, wenn dieser erkennen könnte, dass er nicht im Recht ist! Dies wäre der sicherste Weg, sich die Karriere zu versauen, denn nichts kann ein Vorgesetzter weniger leiden, als einen Untergebenen, der mehr weiß als er selbst, könnte ihm dieser doch irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft gefährlich werden!

Wenn also ein Vorgesetzter, von dem Sie ja schließlich abhängig sind, behauptet, das Wasser liefe den Berg hoch, bejahen Sie das nicht lediglich, behaupten Sie einfach: „Es ist schon lange oben!“ Solchermaßen kompromissbereit und kooperativ machen Sie bestimmt Karriere! Beispiele gibt es in jeder noch so kleinen Behörde!

 

Lassen Sie auch sonst keine Gelegenheit aus, Ihrem Vorgesetzten beizupflichten, denn dies sichert Ihnen sein Wohlwollen!  Und Sie wollen doch befördert werden? Oder nicht?

 

Irgendwann kommt auch für Sie dann die Gelegenheit, wo Sie hemmungslos zeigen dürfen, welche Fähigkeiten in Ihnen schlummern, verschlafen Sie diese wirklich einmalige Gelegenheit nicht!  Verschwenden Sie jedoch Ihre Reserven nicht an Unwürdige! Ihnen hilft es gar nichts, vor dem unmittelbaren Vorgesetzten zu glänzen, denn der  fürchtet ja, wie gezeigt, um die eigene Position! Oben, ganz oben muss man endlich erfahren, welch guten Griff man mit Ihnen getan hat!

 

Wissen Sie nun, warum ich das lateinische Adverb erectus in Klammern setzte? Wer ständig seine geistige Überlegenheit (auch so vorhanden!) zeigt und dabei aufrecht bleibt, schafft sich Neider und schadet sich in einem nicht vorstellbaren Ausmaß. Mit Ihren Fähigkeiten können Sie im trauten Kreise Ihrer Lieben, vielleicht noch am Stammtisch, glänzen, seien Sie aber gegenüber Vorgesetzten, die schließlich und endlich die Macht haben, über Ihr Wohl und Wehe entscheidend mitzubestimmen, bescheiden und zurückhaltend, sonst stehen Sie sich selbst im Weg!

Was ich sonst noch sagen wollte ....  

Sicherlich wird es Sie, liebe Leserin / lieber Leser nun nicht mehr verwundern, wenn ich Ihnen von einer weiteren Besonderheit des Homo Buerocraticus berichte. Im vorangegangenen Kapitel wies ich auf seine Bescheidenheit und betonte Zurückhaltung hin. Diese Zurückhaltung übt er bis zur Selbstverleugnung aus! Ab und an aber gibt ein Beamter Lebenszeichen an die Außenwelt: er erlässt eine Verfügung oder allgemein: einen Verwaltungsakt. Nun wäre es weit gefehlt, anzunehmen, er stünde mit seiner Person hinter dem, was er von sich gibt. Nein! Er verklausuliert den Text so, dass er als der Verfasser völlig in der Anonymität verschwindet. Nicht der Beamte fordert etwas, wie käme er auch dazu, er kennt Sie ja gar nicht! Die Behörde, das Amt, kurz: die Autorität der Staatsmacht will etwas von Ihnen, der Beamte ist nur Werkzeug!

 

Wenn der Beamte schon einmal in der „Ichform“ schreibt, meint er natürlich nicht sich selbst, sondern seine Behörde „Der (Ober) Bürgermeister“ oder „Der Landrat“. Mitunter hat man den Eindruck, es klingt geschraubt. Doch all dies muss so sein. Die Amtssprache wurde eigens zu dem Zweck entwickelt, den Beamten zu schützen. Niemand soll auf die Idee kommen, er hätte persönlich irgend etwas gegen Sie, den Staatsbürger (oder noch weitaus schlimmer: den Steuerbürger), es ist immer nur das anonyme Amt, das etwas (z.B. Geld) von Ihnen will.

 

Im Laufe ihrer Entwicklung  brachte es der Beamte zur Meisterschaft in der Kunst neue Wörter und Begriffe zu erfinden. Da er stets hinter die Behörde zurückzutreten hatte, musste ganz zwangsläufig ein Schreibstil entwickelt werden, der ihm dies auch ermöglichte, Behördenbriefe sind deshalb häufig im Passiv (Leideform) verfasst:


„Sie werden gebeten/aufgefordert, sich am  ...“. Wer Sie bittet oder auffordert, geht aus dem Schreiben (Behörden kennen keine Briefe!) nicht hervor. Die weiter oben erwähnte „Ichform“ ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auf obrigkeitsstaatlichen Sprachgebrauch absolutistischer Herrscher -L’état c’est moi-[2] zurückzuführen. Eine ähnlich Quelle hat die „Wir - Form“, nämlich mit hoher Wahrscheinlichkeit den Pluralis Maiestatis[3].  Sie sehen, wenn die Behörde schreibt „Wir bitten Sie um Geduld“, kann dies nicht unbedingt als Ausdruck vollendeter Höflichkeit gewertet werden, sondern heißt frei übersetzt: „Ich habe jetzt Wichtigeres zu tun und möchte nicht belästigt werden. Falls ich den Schrieb beim Schreibtisch aufräumen durch Zufall wieder finde, werde ich vielleicht sehen, was ich tun kann!“

 

Natürlich übertreibe ich etwas! Ich halte dies für erforderlich, um zu zeigen, wie die Amtssprache zu deuten ist. Übrigens heißt es im Verwaltungsverfahrensgesetz: „Die Amtssprache ist Deutsch“[4], dies ist jedoch nicht so zu verstehen, dass sich der Beamte einer Sprache zu befleißigen hätte, die sich an Texten von Goethe oder Schiller messen ließe (Uff!), sondern es bedeutet schlicht und ergreifend, dass Schreiben ausländischer Zeitgenossen, die nicht deutsch können, unbeachtet bleiben.

 

Hätten Sie geglaubt, dass Beamte schöpferisch sind? Ich auch nicht, bevor ich die Materie genauer kennen lernte. Banale Dinge, die praktische Verwendung finden könnten, sind ihnen natürlich fremd, lautet doch ein vielgehörter Ausspruch in deutschen Amtsstuben:

„Das haben wir schon immer so gemacht. Für Änderungen besteht kein dringender Handlungsbedarf!“

Last, but not least: Der Schluss  

Dieses letzten Zeilen widme ich, Sie haben dies bereits richtig vermutet, einer Abart der Deutschen Sprache: der Beamtensprache.

 

Wie andere Berufsgruppen auch, benötigen Beamte, aber auch Angestellte im öffentlichen Dienst, eine Fachsprache, um zu zeigen, dass Sie für irgend etwas kompetent sind. Vor einigen Jahren war noch die Kanzleisprache in Gebrauch, bis fortschrittliche Beamte (die soll’s tatsächlich geben!) erkannten, dass ein gewisses Mindestmaß an Verständlichkeit nicht unbedingt dem Berufsansehen schaden würde. Wendungen wie „Hochwohllöbliches Kreisamt“oder „.. bitten Sie, das Schreiben nach Erledigung anher zu senden“ sind glücklicherweise in der Mottenkiste verschwunden.

 

Andere Untugenden scheinen jedoch unausrottbar zu sein: Mir sind in meinem Berufsleben Wortschöpfungen begegnet, da war ich in Versuchung geraten, den Schreiber bei der Volkshochschule zu einem Deutschkurs anzumelden! Ein besonders grauenhaftes Beispiel:

Wozu ist ein Kugelschreiber da? Richtig! Zum Schreiben!

Ein Radiergummi? Zum Radieren!

Ein Papierkorb?

Halt!

Wollen Sie als Ignorant gelten? Jeder wird Sie bewundern, wenn Sie schreiben: „Mein Radiergummi hat den Aufforderungscharakter des Ausradierens“. Für mich haben Schreiben mit solchen Worthülsen den Aufforderungscharakter des Fortgeworfenwerdens (z.B. in den Papierkorb!

 

Ich habe bereits erwähnt, dass der Beamte Lebenszeichen in Form von Verwaltungsakten[5] von sich gibt. Da er hinter die Behörde, in deren Namen er tätig wird, zurücktritt, erwähnte ich ebenfalls schon. Dies hat eine weitere Eigenart der Beamtensprache zur Folge:

Der Beamte schaut sich nichts an - er nimmt etwas in Augenschein und schreibt dann: „Nach erfolgter Inaugenscheinnahme..“. Er wird sich auch hüten, zu schreiben: „Wenn Sie innerhalb einer Woche nicht widersprechen, wird der Bescheid wirksam“. Dies wäre wahrhaftig zu einfach! Vielmehr wird er kunstvoll formulieren: „Gesetzt den Fall, ein Widerspruch, der binnen einer Woche schriftlich oder mündlich vor der endunterzeichnenden Behörde einzulegen wäre, unterbleibt, erwächst dem Bescheid Rechtskraft“. Diese Formulierung zeigt: Der Beamte hat sich Gedanken gemacht!

 

Entgegen der weitverbreiteten Volksmeinung entwickeln Beamte durchaus Phantasie. Nämlich immer dann, wenn es darum geht, Schachtelsätze, die, falls enggeschrieben, den Umfang einer DIN-A-4-Seite (210 x 297 mm) mit Leichtigkeit erreichen, wenn nicht sogar um ein Mehrfaches überschreiten können, zu Papier zu bringen. Haben Sie den Sinn verstanden? Nein? Dann ist die Absicht erreicht!

 

Ich habe in letzter Zeit hart an mir gearbeitet. Unter anderem besuchte ich einen Rhetorik - Kurs auf eigene Kosten (!). Seitdem kann ich besser formulieren, denn ich vermeide nach Möglichkeit negative Begriffe: Einen Kollegen, der schon eine Rinne von einem halben Zentimeter Tiefe vor dem Vorzimmer des Bürgermeisters in den Fußbodenbelag gelaufen hat, hätte ich noch vor einem Jahr „Radfahrer“ genannt.  Heute weiß ich jedoch, dass er die Adaption [6] perfekt beherrscht. Positives Denken ist das Gebot der Stunde! Seit dem Besuch des Rhetorik - Kurses mache ich auch nicht mehr blau - ich leide an Absentismus[7]. Leider geht dies nur solange gut, bis ich an einen Vorgesetzten gerate, der auch das Große Latinum erworben und noch nicht alles wieder vergessen hat. Noch ein letztes Beispiel geschickter Formulierkunst: Kommt der Vorgesetzte dazu, wenn ich mit einigen Kollegen zusammenstehe, könnte leicht der Eindruck entstehen, wir hätten allesamt nichts zu tun. Nichts falscher als das! Wir sind mitten im Brainstorming[8]!

Kapitel Acht  

So viel zu den neuzeitlichen Auswüchsen der Behördensprache, aber nicht nur der Behördensprache, muss doch heute jeder zeigen, dass er mindestens einige Brocken englisch kann.

 

Früher (es ist noch gar nicht allzu lange her!) war alles noch um ein Vielfaches schlimmer. Ich zitiere aus Walter Otto „Amtsdeutsch heute“[9]:

„Die sich ereigneten vielen Unfälle zwangen dazu, die Straße vorübergehend zu sperren.“

Vermutlich wäre es zu einfach gewesen, einfach zu schreiben:

„Die Straße musste vorübergehend gesperrt werden, da sich viele Unfälle ereignet hatten.“

 

Kennen Sie den AküFi? Nein?

Im Bestreben, möglichst viel in einem einzigen Wort auszudrücken, ist die Bezeichnung so mancher Verordnung so lang geworden, dass sie sich niemand mehr auswendig merken kann. Es ist zwingend geboten, ein solches Wortungetüm in eine einprägsamere Form zu bringen. Dies erreicht man dadurch, dass man es abkürzt! Der Terminus Technicus[10] ist „Akü“ (Abkürzung), wer dies bis zum Abwinken betreibt, leidet an „Abkürzungsfimmel“, was wiederum mit „AküFi“ abgekürzt wird. Alles klar?

 

Sicherlich verstehen Sie, dass einem Einzelnen gar nicht soviel einfallen kann, wie gemeinhin gebraucht wird, um dem Bürger zu zeigen, dass er doch eigentlich nur ein kleines Licht ist. Es ist zwingend erforderlich, die notwendige Denkarbeit im größeren Kreis zu leisten, wo dann geballtes Wissen zur Verfügung steht (den Begriff Brainstorming erwähnte ich bereits! Diesen größeren Kreis nennt man „Arbeitskreis“, womit gezeigt wird oder doch zumindest gezeigt werden soll, dass - trotz mancher Parallelen-  kein Kaffeekränzchen zusammentrifft.

 

Ein oft gehörter Spruch lautet: „Wenn der Mensch nicht weiter weiß, bildet er ‘nen Arbeitskreis!“

 

Auch in unserer Verwaltung gibt es Arbeitskreise. Je nach Zusammensetzung kommt ab und zu etwas Brauchbares als Ergebnis heraus. Böswillige Menschen, die dies bezweifeln (sie schließen möglicherweise von sich auf andere!) schickten unserer Verwaltung kürzlich anonym ein Pamphlet. Darin wurde die aberwitzige Behauptung aufgestellt, die Teilnahme an Arbeitsbesprechungen diene nur dem Zweck, mit Kollegen zusammen einige angenehme Stunden bei Kaffee und Kuchen zu verbringen und Flipcharts (Hilfsmittel beim Brainstorming) zu entwerfen. In einem früheren Kapitel ist dieses Machwerk (ein Fax) abgedruckt, damit Sie sich selbst ein Bild davon machen können, wie hart mit uns armen Beamten umgesprungen wird! Obwohl niemand persönlich benannt wurde, fühlte sich eine Abteilung verpflichtet, eine Gegendarstellung am schwarzen Brett anzubringen! Wie war das noch mit dem getroffenen Hund?

Bevor ich es vergesse ...  

Ich sprach eingangs, als ich erwähnte, wie altehrwürdig unser Berufsstand ist (er entstand kurz nachdem die Menschen von den Bäumen kletterten!) vom „Chef“, dessen Wünsche und Anordnungen der Beamte dem gemeinen Volk zu überbringen hat, erwähnte jedoch bisher mit keinem Wort, wer dieser „Chef“ nun eigentlich ist. Nun, diese Frage ist nicht einfach zu beantworten!

 

Sicher ist, dass ganz am Anfang derjenige, der am stärksten war, von den Angehörigen seines Stammes als Führer akzeptiert wurde, er war somit „Chef“. Später, es ist nicht bekannt, seit wann, genügte es nicht mehr, nur stark zu sein, auch geistige Fähigkeiten waren gefragt. Bekanntlich ist es aber eher selten, dass Körperkraft und Verstand sich